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25 July 2017

REPORT 6–WorldGames | Niederlage gegen den Weltmeister

(JS) Was war das (gestern) für ein Tag? Soeben ist das „Staff-Meeting“ im Raum 206 zu Ende gegangen. „Staff“ ist unsere Gruppe mit den beiden Trainern Henning Peuters und Jan de Jager, den beiden Physios Tobi Kehlenbach und Dominik Werthmann und den beiden Teammanagern Ina Heinzel und mir. Wir reflektieren am Abend nach der Rückkehr aus der Halle den Tag und schauen auf morgen. Immer wird der Tagesplan für den nächsten Tag besprochen, der minutiös geplant und diskutiert wird, ehe er in Form einer Kopie gedruckt, fotografiert und dann per WhatsApp in die Mannschafsgruppe online gesetzt wird. Beim Aufwachen des Teams am nächsten Morgen ist der Tagesplan für alle parat mit Busfahrtzeiten, Abfahrtsorten, Kleidungsordnungen und sehr Vielem mehr. Der Tag gestern, es ist jetzt 0:30, obwohl wir „heute“ meinen, war ein Tag der Superlativen. Hier die Aufarbeitung…
Vorgeschichte (gestern):
Der Sieg über Großbritannien liegt „lange“ hinter uns. Wir hatten uns mit einem 13:12-Sieg gegen die Britten den Einzug unter die TOP 4 der World Games 2017 gesichert und waren einen Tag happy. Seit Montagmorgen fokussierten wir uns auf das Halbfinale, das uns keinen geringeren Gegner als den amtierenden Weltmeister Niederlande bescherte. Prognosen vor den Halbfinalen waren schnell ausgemacht: Wir verlieren gegen die Niederlande und Belgien besiegt Taiwan, also: wir spielen gegen Chinese Taipei um Bronze. Soweit die Theorie.
„Schnitt“ in dieser Dramaturgie:
Im Wohncampus der Technischen und Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wroclaw gibt es jeweils zwei Doppel- oder zwei Einzelzimmer, die sich einen Vorraum mit Küche und ein Bad teilen. So gibt es „Wohnzellen“ unseres Teams, in denen 4 Personen zusammen in jeweils 2 Zimmern wohnen und Bad und Küche teilen. In dieser Kombi gibt es auch Einzelzimmer. Das Schicksal der Zimmer- und Raumaufteilung bescherte mir ein Einzelzimmer, das in einer Zelle mit einem anderen Einzelzimmer eine Einheit bildete. Nur: im 2. Einzelzimmer war kein deutsches Teammitglied untergebracht, sondern der belgische Teammanager. Wir verstehen uns prima, sehen uns manchmal, tauschten Meinungen aus und sind immer guter Dinge, weil wir uns eben auch schon lange kennen. Belgien spielte in der Gruppe A, wir in B. Es gab keine korfballstrategsichen Berührungspunkte.
Zurück zur Korfballphilosophie des Vortages: Wir dachten also, dass wir gegen Taiwan um Bronze spielen würden und baten meinen Wohnzellennachbarn um Information über Taiwan, da Belgien über einen reichen Info-Fundus verfügte. Gestern Abend war das noch unser „Gentleman-Agreement“.
Heute schlug im ersten Halbfinale Taiwan Belgien mit 22:18 und steht als erstes asiatisches Team in der Geschichte der World Games im Finale. Diese Endspiele, und es gab bisher zehn, waren immer von den Niederlanden und Belgien bestritten worden.
Und jetzt schlägt Taiwan Belgien!.
Wir spielen also morgen (heute) gegen Belgien um Bronze. Die Infos über Taiwan brauchen wir also nicht mehr von meinem Zimmernachbarn. Eher die über Belgien….Wär hätte das gestern gedacht?
Unser Spiel (heute):
… hatten wir zu führen gegen… die Niederlande. Kommentare nicht notwendig. Welt- und Europameister, World Games-Sieger in Folge. Und wir dagegen im Halbfinale. Das Motto heute lautete: „Voll drauf“. Wir wollten dagegen halten, wir wollten Sie ärgern, wir wollten sie nicht einfach so spielen lassen. Wir führten 2:0. Das verursachte ein Lächeln auf den Gesichtern auf unserer Bank. Natürlich albern, aber: Ende erstes Viertel: 7:4. Große Dominanz sieht anders aus.
Die Taktik unserer Trainer ging auf. Das niederländische Team fühlte sich nicht komfortabel. Wir ärgerte sie enorm, obwohl der Abstand grösser wurde. Halbzeit: 11:5.
In den Medien sprach man schon von „… die Deutschen gaben den Niederländern Druck..“(KorballWorld) , oder: „erstes Viertel nur 7:4 für die Niederlande“( korfbalpuntnl) oder : „wir kamen mit Eurem Spiel gegen uns anfangs nicht klar“ (NL-Team).
Ja, wir haben verloren. Aber: wir haben „gut“ verloren. Wir wollten zeigen, dass der Abstand zwischen den Teams kleiner wird. Natürlich ist das relativ. Aber welche Chance haben wir denn, uns an diesen kleinen Details aufzurichten? Am Ende stand ein 25:13 auf der Anzeigetafel. Das liest sich nicht schlecht. China unterlag 33:10, Australien 30:10, und Belgien 24:16. Das Ergebnis ähnelt schon sehr dem unseren.
Aber (morgen):
Wir spielen also am Dienstag gegen Belgien um Bronze. Die Stimmung im belgischen Lager (und in meinem Nachbarzimmer) war nicht gut. Das belgische Team ist enttäuscht. Und: was bedeutet das für uns morgen im kleinen Finale? Diese Frage überlasse ich jetzt mal Euch.
Dies steht fest: Wir kämpfen um die Medaille. Alles andere wäre fahrlässig. Wir haben keine Angst vor dem Vizeweltmeister aus 2015 (WM-Finale in Antwerpen, der belgische König nahm die Siegerehrung vor, das deutsche Team wurde Sechster). Wir suchen heute unsere Chance. Heute (es ist 1:48) wird sie uns geboten.
Jochen Schittkowski, Wroclaw, World Games 2017